Variation (Musik)

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Eine Variation (lateinisch variatio, „Veränderung“) ist eine Veränderung eines musikalischen Themas hinsichtlich ihrer melodischen, rhythmischen, harmonischen und satztechnischen Erscheinung. Folgende Variationen müssen Elemente des Grundcharakters oder musikalischen Substanz beibehalten. Das Wesen der Variation wird durch Kontrast und Wiederholung maßgeblich bestimmt.

In der Musik der Renaissance und des Barock Europas z. B. war es bei Sängern häufig üblich, über einer Grundstruktur von Bass und Melodie selbst zu interpretieren und die Stücke dadurch zu verzieren. Später im Verlauf der Entwicklung der Prinzipien hat der Instrumentalist in Form von Tanz- und Liedvariation über die Grundstruktur anhand des Themas improvisiert, das heißt spontan variiert, ohne dass dies in der Partitur festgelegt war. Diese Technik wird etwa im Jazz angewendet. Ab dem 18. Jahrhundert war es verbreitet, dass der Komponist die Verzierungen der musikalischen Grundsubstanz selbst gestaltete und jede Note vorher festgelegt hat.

Andererseits gilt die Variation auch als musikalische Form. Eine Reihe aufeinanderfolgender Variationen bildet ein „Variationenwerk“, einen „Variationensatz“, eine „Variationenreihe“ oder einen „Variationszyklus“.

Zwar sind die meisten Variationen in der Musik für Soloinstrumente zu finden, doch auch in Kammermusik, symphonischer Musik und Vokalmusik kann man Variationswerke finden. Dabei treten die Variationen im Rahmen anderer Gattungen wie Streichquartetten, Violinsonaten und Symphonien auf.

Brahms Orchestervariationen zählen beispielsweise zu den symphonischen Variationen.

Variation als Kompositionstechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Variation kann kompositionstechnisch auf verschiedene Weisen durchgeführt werden. Wichtig ist dabei, dass wesentliche Eigenschaften des Grundmodells erkennbar bleiben. Verändert werden können Tempo, Dynamik, Artikulation, Tonart, Tongeschlecht, Melodie, Rhythmus, Begleitung, Harmonik und Klangfarbe.

  • Diminution
    Diminution beschreibt die Verzierung, Unterteilung eines melodischen oder harmonischen Gerüsts. Die Taktanzahl bzw. das rhythmische Gerüst bleibt gleich, es werden jedoch zusätzliche Töne eingefügt.
    Bei einer melodischen Diminution wird eine Linie bei gleichbleibender Akkordfolge unterteilt. Beispiele hierfür sind Diskant- und Bassdiminutionen in barocken Ostinatoformen.
    Bei einer harmonischen Diminution werden darüber hinaus weitere Akkorde eingesetzt, um das harmonische Gerüst zu unterteilen.
  • Ornamentierung
    Weniger substanziell sind die variierenden Eingriffe der Ornamentierung. Hierbei werden Verzierungen und Schnörkel hinzugefügt, die nicht wesentlich sind, um die gesamte Linie der Melodie zu tragen. Sind dazu da, die musikalische Linie zu dekorieren oder zu verzieren. Variationen, die durch Diminution und/oder Ornamentierung des Grundmodells gebildet wurden, werden auch als Figuralvariation bezeichnet.
  • Reharmonisation
    Reharmonisation bezeichnet das Hinzufügen, Umdeuten und Ersetzen von Akkorden in einer bereits bestehenden Akkordfolge und ist vor allem in der Jazzimprovisation sehr verbreitet. Reharmonisation kann spontan während der Improvisation und bei der Veränderung der Spannungsverhältnisse in bestehenden Melodien geschehen. Sie geschieht in klangverwandten Substitutionen oder an Stellen mit Dominanz- und Subdominanzsituationen.
  • Entwickelnde Variation
    Dieser von Arnold Schönberg geprägte Begriff bezeichnet einen Variationstyp, bei dem sich die Variationen nicht mehr auf ein Ausgangsthema, sondern ihrerseits bereits auf eine Variation beziehen.

Variation als musikalische Form in der Musikgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Renaissance und Barock[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Variation als Kompositionstechnik ist in der Musik der Renaissance häufig vertreten, da dort das Ideal der Vielfalt und Abwechslung (Varietas-Prinzip) gilt, das exakte Wiederholungen vermeiden soll.

Variationen als musikalische Formen tauchen vermehrt ab dem frühen 16. Jahrhundert in Form von Ostinatovariationen auf, d. h. Variationen über feststehende Bässe/Akkordfolgen, durch den Import der Gitarre aus Spanien nach Italien bedingt. Beispiele für Ostinatovariationen sind die auch noch nach der Barockzeit bedeutende Passacaglia und Ciacona, ebenso Tanzmodelle wie Passamezzo, Romanesca oder Folia.

Im Barock wurden Variationen über Generalbassmodelle (z. B. Tanzvariationen) oder über Melodien (z. B. Liedvariationen, Cantus-Firmus-Variationen) improvisiert und komponiert. Da die variierten Tänze und Lieder in dieser Zeit sehr stark standardisiert waren, d. h. im Normalfall nicht von den Komponisten selber erstellt wurden, stellt die Komposition von Variationen darüber besondere Anforderungen. Eine komponierte Variationsfolge musste sich von bereits existierenden Variationen über das gleiche Modell deutlich abheben und individuell ausgeprägt sein.

Einer der bekanntesten Komponisten von Variationen war Johann Sebastian Bach. Seine weltbekannten Goldberg-Variationen stellten einen Höhepunkt barocker Variationskunst dar.

Klassik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Epoche der Wiener Klassik kommt es zur Liberalisierung der Variationen. Dabei benutzt man Variationen zur Entwicklung der Stücke, dabei nutzt man Variationen als dramaturgisches Mittel.

Seit 1770 konnte zunehmend beobachtet werden, dass geläufige Themen variiert wurden, indem man jeder Variation ein Grundmodell zuordnete. Diese Kompositionsprinzipien nutzten auch klassische Komponisten, wie Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn. Diese Themen waren jedoch nicht wie im Barock von allgemein bekannten Liedern und Tänzen abgeleitet, sondern man verwendete eigene Themen.

In der Klassik existieren sowohl durchkomponierte Variationsfolgen, in der die Variationen nahtlos ineinander übergehen – wie es in der Barockzeit üblich war –, als auch Anordnungen, in denen die einzelnen Variation kurze einzelne Sätze darstellen. Typisch ist auch der Wechsel des Tongeschlechts in einer oder mehreren Variationen (Minore Variation: das Tongeschlecht wird in Moll geändert, Majore Variation: das Tongeschlecht wird in Dur geändert).

Mozart war in seiner Zeit der Erste, der Variationen mit Elementen der Sonate anreicherte und so wieder eine abgeschlossene Großform erreichte und von dem Reihungscharakter wegkam.

Haydn komponierte Doppelvariationen über zwei Themen, die eine der Rondoform nahestehende Spielart beschreiben.

Variationen werden in der Klassik auch mit anderen Formtypen, wie z. B. mit dem Rondo gemischt. Dabei werden die einzelnen Formmodelle des Rondos jeweils variiert und demnach haben die einzelnen Modelle eine Substanzgemeinschaft. Ein gutes Beispiel dafür ist der 2. Satz von Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie. In diesem Satz wird z. T. aus der Variationsform ausgebrochen, dabei treten auch Fugen auf. In diesem Fall haben wir einen gleichbleibenden Rhythmus.

Romantik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der musikalischen Epoche der Romantik gelang es, durch Variationen Seelenzustände darzustellen, da diese die Möglichkeit boten, in der Abfolge der einzelnen Sätze die Psyche und das menschliche Empfinden dem Zuhörer zu übermitteln. Diese Art der Variation wird auch als Charaktervariation bezeichnet.

Solche musikalischen Psychogramme gelangen beispielsweise Robert Schumann mit den Études symphoniques Op.13 und Felix Mendelssohn Bartholdy mit den Variations sérieuses.

Man variiert um eine große Gesamtform zu erreichen. Dabei gerät die konsequente Variation des Themas in den Hintergrund. Es wird vom Thema abgewichen und dieses kann u. U. auch in Einzelheiten zerlegt werden, wie z. B. bei Johannes Brahms und Max Reger (fis-Moll-Variationen Op.73).

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 20. Jahrhundert treten die traditionellen Variationsformen in den Hintergrund. Kapitel 22 des Romans „Doktor Faustus“ von Thomas Mann bringt, ausgehend von der „Philosophie der Neuen Musik“ von Adorno, die Vorstellung des genuin Archaischen der musikalischen Form der Variation. Vgl. Jürg Baurs „Archaische Variationen“ von 1997 (s. u.).

Variation als Kompositionstechnik ist jedoch in Form der „Entwickelnden Variation“ präsent. „Entwickelnde Variation“ ist ein von Arnold Schönberg in seinem Aufsatz „Brahms, der Fortschrittliche“ geprägter Begriff, der die Kompositionstechnik der fortlaufenden Variation bezeichnet. Während Schönberg diese Form der fortwährenden Durchführungsarbeit bei Komponisten der Romantik als partiell verwirklicht ansieht, wird bei der Zwölftontechnik wird „Entwickelnde Variation“ zum musikalischen Grundprinzip erhoben, da dort aufgrund der Verwendung von Zwölftonreihen ein immanenter musikalischer Zusammenhang bestehen soll. Noch weiter geführt wird diese Idee im Serialismus ab den 1950er Jahren, der nicht nur Tonhöhen, sondern auch weitere musikalische Parameter wie Dynamik, Anschlag und Klangfarbe auf der Basis von Reihen organisiert. Diese Strömung hielt sich ungefähr bis in die 1970er Jahre und wurde teilweise sehr stark kritisiert, da das Übermaß an struktureller Organisation hörend nur schwer fassbar ist. Im Höreindruck zeigen sich häufig keine signifikanten Unterschiede zwischen Serialismus und Aleatorik (Zufallsmusik).

Auch im Jazz spielt Variation eine essentielle Rolle – in Form der Interpretation von Jazz-Standards und deren improvisatorischer und kompositorischer Variation.

Bekannte Variationswerke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Orchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Soloinstrument(e) und Orchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Tasteninstrumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für andere Soloinstrumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Singstimmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. etwa Andrés Segovia: Fernando Sor: Variationen über Das klinget so herrlich aus der Oper Die Zauberflöte von W. A. Mozart opus 9. B. Schott’s Söhne, Mainz 1931 (= Gitarren-Archiv. Band 130); auch in Andrés Segovia (1893–1987): Die schönsten Stücke aus seinem Repertoire. Schott, Mainz/London/New York/Tokyo 1987 (= Gitarrenarchiv. Band 520), S. 34–47
  2. Gerald Drebes: Schütz, Monteverdi und die „Vollkommenheit der Musik“ – „Es steh Gott auf“ aus den „Symphoniae sacrae“ II (1647). In: Schütz-Jahrbuch. Jg. 14, 1992, S. 25–55, hier S. 42–55, (online (Memento des Originals vom 3. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gerald-drebes.ch).